Vom Systembrett zum digitalen Wirkraum

Systemische Aufstellungsarbeit funktioniert nicht nur im physischen Raum. Auch digital können Wahrnehmung, Resonanz und ein gemeinsamer Wirkraum entstehen. Nach mehr als sechs Jahren Erfahrung zeigt sich, wie das VISTEMA®-Board die bewährte Aufstellungsarbeit um neue digitale Möglichkeiten erweitert.

Wenn der Raum digital wird, bleibt das System

Wer mit systemischen Aufstellungen arbeitet, der weiß: Es geht um weit mehr, als Personen in einem Raum oder Figuren auf einem Brett zu platzieren.

Es geht darum, Beziehungen, Dynamiken und Zusammenhänge sichtbar und erlebbar zu machen. Menschen nehmen Positionen ein, richten sich aufeinander aus, reagieren auf Nähe, Distanz, Blickrichtungen und Veränderungen im Feld.

Genau diese repräsentierende Wahrnehmung, dieses Sich-Einfühlen in eine andere Position gehört zu den besonderen Qualitäten der Aufstellungsarbeit. Repräsentant:innen nehmen aus ihrer Position heraus wahr, was dort spürbar wird – körperliche Empfindungen, emotionale Reaktionen, Bewegungsimpulse, Anziehung oder Distanz. Dabei können auch Informationen auftauchen, die vorher nicht ausgesprochen wurden oder den Beteiligten selbst nicht bewusst waren.

Eine Aufstellung macht damit nicht nur Beziehungen und Strukturen sichtbar. Sie eröffnet einen Zugang dazu, wie sich ein System aus unterschiedlichen Positionen heraus anfühlt und erlebt wird.

Über viele Jahre war dieser Raum ganz selbstverständlich ein physischer Raum. Menschen standen miteinander in einem Seminarraum, Repräsentant:innen nahmen Positionen ein, am Tisch wurde mit einem Systembrett gearbeitet.

Mit der zunehmenden Digitalisierung von Coaching, Beratung und Weiterbildung stellte sich irgendwann eine sehr einfache Frage: Geht das auch online?

Am Anfang war diese Frage tatsächlich offen. Heute, nach mehr als sechs Jahren Erfahrung mit digitaler Aufstellungsarbeit, stellt sie sich für uns nicht mehr.

Denn wir haben erlebt, dass auch im digitalen Raum etwas entsteht, das sich nur schwer technisch beschreiben lässt: ein gemeinsamer Wirkraum, in dem Menschen wahrnehmen, sich in Positionen einfühlen, aufeinander reagieren und Resonanzen erleben – obwohl die Beteiligten vielleicht Hunderte Kilometer voneinander entfernt sitzen.

Aufstellungsarbeit ohne gemeinsamen Ort

Einer der offensichtlichsten Vorteile des Online-Systembretts ist die Ortsunabhängigkeit.

Eine Aufstellerin in Wien kann mit einer Klientin in Hamburg arbeiten, ein Repräsentant sitzt in Zürich, eine weitere Repräsentantin vielleicht in Berlin oder auf einem anderen Kontinent.

Alle sehen dieselbe Aufstellung. Alle befinden sich im selben Prozess.

Gerade für Aufsteller, die mit Personen arbeiten, eröffnet das neue Möglichkeiten. Der Kreis möglicher Repräsentant:innen ist nicht mehr auf jene Menschen beschränkt, die an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort sein können. Menschen können sich von überall zuschalten. Gruppen lassen sich anders zusammensetzen, Termine leichter organisieren und auch Menschen einbinden, die für eine Präsenzaufstellung nicht anreisen könnten.

Was uns dabei besonders interessiert hat, war allerdings nicht die organisatorische Erleichterung. Die eigentliche Frage war: Funktioniert die Aufstellung auch dann?

Unsere Erfahrung ist eindeutig: Ja, das tut sie.

Wir haben Aufstellungen erlebt, in denen Menschen in verschiedenen Ländern miteinander gearbeitet haben und dennoch sehr schnell ein gemeinsamer Raum entstanden ist. Repräsentant:innen nehmen wahr, reagieren auf Veränderungen, beschreiben Unterschiede, erleben körperliche oder emotionale Reaktionen und entwickeln Bewegungsimpulse.

Die räumliche Distanz zwischen den Menschen führt dabei nicht automatisch zu einer Distanz im Prozess. Für uns war das eine der wesentlichsten Erfahrungen der ersten Jahre. Denn digital bedeutet eben nicht zwangsläufig distanziert.

Ein gemeinsamer Wirkraum kann auch online entstehen

Wer lange mit Aufstellungen gearbeitet hat, der kennt diese besondere Erfahrung: Eine Gruppe beginnt zu arbeiten, und irgendwann verändert sich etwas. Die Aufmerksamkeit verdichtet sich. Menschen reagieren aufeinander. Wahrnehmungen entstehen, manchmal bevor überhaupt viel gesprochen wurde.

Viele Aufsteller:innen vermuten zunächst, dass genau diese Qualität online verloren gehen müsste. Auch wir wussten am Anfang nicht, was davon im digitalen Raum erhalten bleibt.

Heute können wir aus unserer Erfahrung sagen: Es geht nichts verloren, es wird nur anders.

Wenn Menschen sich auf eine Aufstellung einlassen, gemeinsam auf dasselbe Bild schauen und ihre Wahrnehmungen einbringen, entsteht auch über einen Bildschirm ein gemeinsamer Wirkraum. Für die Beteiligten fühlt er sich nicht wie eine technisch reduzierte Variante der Präsenzarbeit an.

Im Gegenteil: Nach kurzer Zeit tritt die Technik meist in den Hintergrund. Die Aufmerksamkeit liegt bei der Aufstellung.

Genau deshalb sehen wir digitale Aufstellungsarbeit heute nicht mehr als Ersatzlösung für Situationen, in denen eine Präsenzaufstellung nicht möglich ist. Sie ist eine eigene Form der Arbeit mit eigenen Qualitäten.

Was sich durch das digitale Systembrett verändert

Die Grundprinzipien bleiben dieselben.

Menschen, Themen, Ziele, Hindernisse oder Ressourcen werden repräsentiert. Nähe und Distanz bekommen Bedeutung. Blickrichtungen verändern die Wahrnehmung. Repräsentant:innen nehmen Positionen ein und spüren, was sich dort zeigt.

Mit den Innensichten im VISTEMA®-Board kommen jedoch Möglichkeiten zusammen, die wir bisher aus unterschiedlichen Formen der Aufstellungsarbeit kennen – und daraus entsteht etwas Neues.

Beim klassischen Systembrett liegt eine große Stärke darin, das gesamte System von außen betrachten zu können. Beziehungen, Abstände, Blickrichtungen und Veränderungen werden auf einen Blick sichtbar. Die Person schaut auf ihr System.

In einer Aufstellung mit Repräsentant:innen geschieht etwas anderes. Die Repräsentant:innen stehen mitten im System. Sie erleben die Situation aus einer bestimmten Position heraus und nehmen wahr, was sich dort körperlich, emotional oder als Bewegungsimpuls zeigt. Die Klient:innen verfolgen diesen Prozess häufig zunächst von außen und gehen erst später oder am Ende selbst in die Aufstellung.

Die Innensichten verbinden beide Ebenen.

Klient:innen können den gesamten Aufstellungsprozess aus unterschiedlichen Positionen heraus verfolgen. Sie sehen nicht nur, wo eine Figur steht, sondern erleben unmittelbar, wie das System von dort aussieht: Wer steht mir gegenüber? Wer ist nah? Wer weit entfernt? Wen sehe ich? Wer befindet sich außerhalb meines Blickfeldes?

Gleichzeitig können sie sich in diese Position einfühlen und wahrnehmen, was sich dort verändert.

Damit entsteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen innerem Erleben und sichtbarem Bild. Wenn sich beispielsweise jemand klein, bedrängt, ausgeschlossen oder einem anderen Menschen sehr nahe fühlt, lässt sich dieses Erleben im Bild darstellen. Danach kann die Person aus der Innensicht erneut auf die Situation schauen und überprüfen: Entspricht dieses Bild tatsächlich meinem Erleben? Wird es dadurch stimmiger? Oder zeigt sich etwas anderes?

Dieser Wechsel zwischen Wahrnehmen, sichtbarer Darstellung und erneutem Erleben macht den Prozess für Klient:innen besonders eindrücklich.

Auch die Arbeit mit Bodenankern bekommt dadurch eine zusätzliche Dimension. Wer auf einen Bodenanker tritt, der kann sich sehr unmittelbar in eine Position einfühlen. Im digitalen Raum kommt die visuelle Perspektive hinzu: Das Gegenüber ist tatsächlich sichtbar, ebenso seine Entfernung, Größe, Blickrichtung und Position im Raum. Die Person fühlt sich also nicht nur in eine Position ein, sie sieht gleichzeitig aus dieser Position heraus auf das System.

Und anders als beim klassischen Systembrett bleibt sie nicht ausschließlich in der Außenperspektive.

Der Wechsel ist jederzeit möglich: vom Gesamtbild in die Innensicht einer Figur, von dort in eine andere Position und anschließend wieder zurück zum Blick auf das gesamte System.

Gerade Menschen mit wenig Aufstellungserfahrung finden dadurch oft sehr schnell Zugang zu repräsentierender Wahrnehmung. Die sichtbare Perspektive gibt Orientierung und erleichtert das Einfühlen, ohne vorzugeben, was wahrgenommen werden soll.

So verbindet die Innensicht die Übersicht des Systembretts, die unmittelbare Wahrnehmung aus einer Repräsentantenposition und die Positionsarbeit mit Bodenankern. Gleichzeitig entsteht eine zusätzliche Qualität: Inneres Erleben kann sichtbar gemacht, aus der jeweiligen Position betrachtet und unmittelbar mit der eigenen Wahrnehmung abgeglichen werden. Zukünftige Veränderungen können ‘ausprobiert’ und erlebt werden.

Für uns ist genau daraus im Lauf der Jahre eine eigenständige Form digitaler Aufstellungsarbeit entstanden.

Sechs Jahre Erfahrung haben unseren Blick verändert

Als wir begonnen haben, das Systembrett zu digitalisieren, wollten wir zunächst vor allem ermöglichen, bekannte Aufstellungsarbeit online durchzuführen.

Sehr schnell hat sich unser Blick verändert. Wir haben begonnen, zu beobachten, welche Möglichkeiten erst durch das digitale Arbeiten entstehen. Was zunächst als Lösung für räumliche Distanz begann, hat sich zu einer eigenständigen Form der Aufstellungsarbeit entwickelt. 

Dazu kommt die Möglichkeit, Aufstellungen zu speichern. Ein Prozess muss nicht am Ende einer Sitzung verschwinden. Er kann später wieder geöffnet werden. Entwicklungen über mehrere Termine hinweg bleiben nachvollziehbar.

Und eine Sitzung kann – selbstverständlich mit Zustimmung aller Beteiligten – aufgezeichnet werden.

Gerade für Aufsteller kann das interessant sein. Eine Aufstellung läuft oft sehr dicht ab. Vieles geschieht gleichzeitig. Aussagen, Bewegungen, Reaktionen oder kleine Veränderungen können während des Prozesses nur begrenzt bewusst wahrgenommen werden.

Eine Aufzeichnung ermöglicht es, später noch einmal hinzuschauen, Zusammenhänge zu analysieren und den Prozess tiefer zu verstehen. 

Was ist wann passiert? Welche Veränderung ging einer Reaktion voraus? Welche Wahrnehmung wurde zunächst vielleicht nur beiläufig geäußert und später bedeutsam? Wo entstand eine Bewegung im System?

Auch für Supervision, Ausbildung, Forschung oder die eigene professionelle Reflexion kann daraus wertvolles Material entstehen.

Und trotzdem bleibt es Aufstellungsarbeit

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Punkte.

Das digitale Systembrett nimmt der Aufstellungsarbeit nichts von ihrer Grundidee.

Es ersetzt weder Erfahrung noch Wahrnehmung noch die Kompetenz der Aufstellerin oder des Aufstellers.

Es ist ein Werkzeug.

Allerdings eines, das bestimmte Grenzen des physischen Raumes aufhebt.

Man könnte es mit einer Kutsche und einem Auto vergleichen.

Eine Kutsche kann wunderschön sein. Sie hat ihre eigene Qualität und gehört zur Geschichte der Mobilität. Für eine gelegentliche Ausfahrt würden viele Menschen sie sogar einem Auto vorziehen.

Für den Alltag würden die meisten von uns heute trotzdem nicht mehr mit der Kutsche fahren.

Nicht weil sie schlecht wäre.

Sondern weil sich die Möglichkeiten verändert haben.

Ähnlich erleben wir inzwischen das Verhältnis zwischen klassischem Systembrett und dem heutigen VISTEMA®-Board.

Das physische Brett und klassische Aufstellungsarbeit bleiben ein wichtiger Ursprung der Arbeit. Gleichzeitig stellt sich für uns heute weniger die Frage, ob digitale Aufstellungsarbeit möglich ist.

Viel interessanter ist die Frage, warum wir auf die Möglichkeiten des digitalen Raums verzichten sollten, wenn sie unsere Arbeit erweitern – und zwar genauso sehr online wie in Präsenz.

Vielleicht muss man es einfach erleben

Über digitale Aufstellungsarbeit lässt sich viel schreiben. Es gibt allerdings einen Punkt, an dem Erklärungen nicht mehr besonders weit führen.

Wer selbst erlebt hat, wie eine Aufstellung mit Menschen aus unterschiedlichen Orten entsteht, wie Repräsentant miteinander in Resonanz gehen, wie Wahrnehmungen auftauchen und wie selbstverständlich nach kurzer Zeit mit dem digitalen Board gearbeitet wird, der versteht sehr schnell, warum wir diese Form der Arbeit heute nicht mehr missen möchten.

Genau dafür wurde das VISTEMA®-Board über viele Jahre weiterentwickelt.

Nicht um Aufstellungsarbeit neu zu erfinden. Sondern um ihr im digitalen Raum möglichst viele Möglichkeiten zu geben.

Wer bisher ausschließlich mit einem physischen Systembrett oder in Präsenzgruppen gearbeitet hat, der muss deshalb auch nichts aufgeben. Es kommt etwas dazu.

Ein Arbeitsraum, der unabhängig vom Ort verfügbar ist. Repräsentant:innen, die von überall auf der Welt teilnehmen können. Innensichten, die das Sich-Einfühlen in eine Position unmittelbar unterstützen. Die Möglichkeit von Aufstellungen, die gespeichert, ausgewertet und weitergeführt werden. Veränderungen, die nicht nur gespürt, sondern sichtbar gemacht werden. Und Prozesse, die sich später noch einmal ansehen und auswerten lassen.

Nach sechs Jahren digitaler Aufstellungsarbeit ist unsere Erfahrung deshalb diese:

Der gemeinsame Raum entsteht nicht dadurch, dass sich alle Menschen im selben Zimmer befinden. Er entsteht dadurch, dass sie in Resonanz gehen und sich auf den gemeinsamen Prozess einlassen.

Und genau das ist mit VISTEMA® auch digital möglich.


Wenn du selbst mit Aufstellungen arbeitest und wissen möchtest, wie sich ein digitales Systembrett in deiner Arbeit anfühlt, dann probier das VISTEMA®-Board einfach aus. Manche Unterschiede lassen sich erklären. Andere versteht man erst, wenn man sie erlebt.

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